Quantcast
Kunst

[NSFW] Ero guro nansensu Japans erotische Horrorkunst

Schon seit Jahrzehnten nutzen japanische Künstler die schockierende Ästhetik von Ero Guro, um repressive Moralvorstellungen und soziale Konventionen zu entlarven.

Ysabelle Cheung

Toshio Saeki, Yarai, 1972

In der erschütternden Welt des ero guro nansensu wird künstlerischer Wert nach ganz eigenen Kriterien bemessen: Je grausamer und eigentümlicher die Illustrationen, umso besser. Die Themen dieser japanischen Kunst- und Literaturbewegung, die in den 1930er Jahren ihren Ursprung nahm, könnten dabei kaum expliziter sein.

Zu den typischen Inhalten eines Bildes gehören Samurais, die gefesselte Mädchen aufschlitzen, die Sexualpraktik der Atemkontrolle (basierend auf echten Fällen dieser Zeit), Schlangen mit menschlichen Köpfen und Kontorsionisten, die die Augen eines kleinen Jungen aussaugen—alles dargestellt auf traditionell hergestellten Holzschnitten. Das waren jetzt übrigens nur die leichteren Beispiele der surrealen und makaberen Grotestk-Kunst, die auch heute noch zeitgenössische Künstler wie Toshio Saeki, Takato Yamamoto und Suehiro Maruo beeinflusst.

Suehiro Maruos, Interpretation der Sexualpraktik der Atemkontrolle.

Takato Yamamoto

toshio.png

Toshio Saeki, Renrui, 1972

Ero guro nansensu unterscheidet sich dabei von reiner Pornographie oder Horror, da die Illustrationen dunkle erotische Fantasien mit wirklich grausamen Darstellungen verbinden. Der Name des Stils leitet sich von den englischen Wörtern erotic grotesque nonsense ab: Blut und Gewalt sind also nicht zwangsläufig Voraussetzungen—auch die surreale Darstellung eines Mädchens mit zehn Augäpfeln, die an ihren Genitalien kleben, wird akzeptiert.

>> Julie Watai versammelt in ihrer Fotografie den ganzen Sex-Appeal von Japans Popkultur

In den 1930er Jahren waren diese handgezeichneten Werke eine Reaktion auf den zunehmenden ökonomischen und politischen Druck, der sich im repressiven Japan breit machte. Die traditionelle Faszination des Landes für erotische Kunst verwandelte sich in eine intensive Auseinandersetzung mit Hedonismus, Tabus und dem Abnormalen. Das förderte nicht nur sexuelle Begierde zutage, sondern auch eine Sehnsucht nach radikalem politischem Wandel.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Genre in dutzenden Sub-Genres weiterentwickelt und auch Einfluss in Literatur, Kino und Musik gefunden. So enthalten zum Beispiel Mangas, Hentai-Animes oder Flying Lotus' Album You’re Dead! (2014) jede Menge ero guro—Letzteres beschäftigt sich anhand von Illustrationen Shintaro Kagos ganz im Sinne des Albumtitels tiefer mit den düsteren Themen von Vergewaltigung, Nekrophilie und Pädophilie. Guro-Referenzen tauchen aber zum Beispiel auch in der bekannten Graphic Novel Black Hole von Charles Burns auf. Aber können die modernen Versionen des guro immer noch als soziopolitische Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse Japans gelten? Und wie kann eine handgezeichnete Illustration in Sachen Provokation und Horror mit den hyperrealistischen High-Tech Bildern der Gegenwart mithalten?

Shintaro Kago für die Flying Lotus Single "Never Catch Me"

Guro zeigt auf jeden Fall, dass handgeschnitzte oder gemalte Bilder manchmal auch heute noch beeindruckender und vielsagender sein können als computergenerierte Werke. Zwei der wichtigsten zeitgenössischen japanischen Künstler kreieren momentan in ihren Werken eher das Gegenteil hyperrealistischer Bildwelten: Während Takashi Murakami postmoderne Illustrationen voller Bewegungen ohne Tiefe erschafft, zeichnet Yoshitomo Nara cartoonhafte Mädchen- und Hundebilder, die der Ästhetik einer Plastik- und Spielzeugwelt zu folgen scheinen. Kunstkritikerin Roberta Smiths bescheinigt den Werken, einen „uralten Instinkt der menschlichen Portraitierung zu bedienen, der sich emotional authentisch anfühlt, aber nicht realistisch ist.“ Dank des flachen, antirealistischen Stils von ero guro können auch zeitgenössische Künstler aktuelle Taboos auseinandernehmen und dabei gleichzeitig schockieren sowie die Wahrnehmung des Betrachters normalisieren.

>> In Japan werden Pläne für die erste Unterwasser-Stadt der Welt geschmiedet

Toshio Saeki zeigt gefesselte Frauen mit abgeschnittenen Brüsten und enthüllt in seinen traditionellen Holzschnitzereien eine fantasievolle SM-Kultur, während Takato Yamamoto ausdruckslose Gesichter mit Symbolen des Todes, Sex und Exzess vermischt. Niemand sieht dabei nach extremen Schmerzen aus. Ähnlich wie beim Tentacle Porn wirken die portratierten Charaktere so als wäre das Abnormale für sie normal, als würden sie das Geschehen genießen oder als wären ihre Schmerzen vom Künstler weichgezeichnet worden. So geben die Künstler einen eigenwilligen Kommentar zur andauernden gesellschaftlichen Repression von extravaganten oder schmutzigen Fantasien ab, die noch immer allzu gerne als krank abgestempelt werden.

Die Bilder düften zumindest auf all diejenigen zutiefst verstörend wirken, die mit der langen asiatischen und japanischen Tradition eigentümlicher erotischer Kunst nicht vertraut sind. Wie zum Beispiel in dem populären Zoophilie-Holzschnitt The Dream of the Fisherman’s Wife aus dem Jahr 1814 dient der sichere Raum der Kunst in der japanischen Kultur dazu, auszuleuchten, was „eklig“, „schockierend“ und „Tabu“ eigentlich bedeutet, und wo wir die gesellschaftlichen Grenzen ziehen wollen. Die Werke mögen eklig und dunkel sein, aber wenn ihr über die Bilder blutender Baby-Dämonen und die Schlangenpenisse hinausschaut, dann entfaltet die Kunst vielleicht auch für euch eine tieferliegende kritische Ebene, in der die Probleme gegenwärtiger Politik, moralische Regeln und soziale Konventionen entlarvt werden.

Katsushika Hokusai, The Dream of the Fisherman’s Wife, 1814

Tsukioka Yoshitoshi, Eimei nijūhasshūku, 1866-1867

Toshio Saeki, Nodakagawa, 1977

Suehiro Maruo, Haunted Mansion manga, 1990

Junji Ito, Uzumaki manga, 1998-1999

Im Januar 2016 zeigt die Galerie Narwhal Contemporary im kanadischen Ontario eine Einzelausstellung von Toshio Saeki. Mehr von Saekis Arbeiten findet ihr hier.

Weitere Arbeiten von Takato Yamamoto könnt ihr hier sehen.