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Wir haben drei IKEA-Fotografen gefragt, wie sie es finden, dass überall ihre Bilder hängen

Jeder hat sie an der Wand, doch keiner weiß, woher sie kommen...


Yellow Cab von Kord, IKEA VILSHULT Serie. Images courtesy the artist

Das gelbe Taxis, der rote Doppeldecker-Bus und das Fahrrad auf der Kanalbrücke: Ihr kennt diese Bilder sicherlich alle aus eurer Studentenzeit. Vielleicht habt ihr—genau wie ich—sogar das ein oder andere dieser Poster selbst gekauft, um eure WG-Küche zu verschönern. Worauf ich eigentlich hinaus möchte: Jeder kennt die übergroßen kultigen IKEA-Schnappschüsse, die in einer seltsamen Schwarz-Weiß-Farbmischung von nahezu jeder Wand prangen. 

Eine Frage stellen wir uns dabei aber nie: Wer hat die Bilder überhaupt gemacht? Wer sind die stillen Helden, die diese Aufnahmen gemacht haben, welche zu den meist verkauften der Welt zählen? Und wie fühlt es sich an, zu wissen, dass deine Arbeit in gefühlt jedem Wohnzimmer hängt? Ich jedenfalls wollte das wissen und habe deswegen drei von IKEAs Fotografen dazu befragt.

Starten wir mit Bob Krist, dem US-amerikanischen Fotografen, der für IKEA dieses Foto des New Yorker Stadtteil Manhattans machte:

Golden City von Bob Krist, IKEA VILSHULT Serie

The Creators Project: Wie fühlt es sich an, wenn deine Arbeit an so vielen Wohnzimmerwänden hängt?

Ehrlich gesagt stört mich das nicht wirklich. Mein aktueller Job für den National Geographic bringt mich meinem Traum viel näher als die Tatsache, ein IKEA-Celebrity zu sein. Ironischerweise habe ich ständig mit dem Fluch dieses Rufs bzw. dieser Infamie zu kämpfen. Jeden Tag bekomme ich Emails von Fans, die mich fragen, wo sich die „goldene Stadt“ befindet, obwohl es sich offensichtlich um New York handelt und definitiv jeder erkennen kann, dass im Vordergrund die Brooklyn Bridge zu sehen ist. Es bleibt mir ein Rätsel, warum IKEA entschieden hat, die Stadt auf dem Bild nicht anzugeben. Genauso wie es ein Rätsel ist, dass mir oft zugeschrieben wird, diese Luftaufnahme in Schwarz/Weiß von Manhattan, datiert auf die frühen 1960er Jahre, gemacht zu haben. Damals wäre ich gerade mal zehn Jahre alt gewesen!

Eine Schande für den Typen, der damals wirklich das Foto gemacht hat. Aber ich schätze mal, du hast keine Kopie der Golden City zuhause, oder? 

Nein. Aber ich habe einige meiner anderen Schwarz/Weiß-Fotos an der Wand. Ich hänge mir aber lieber Fotos von Kollegen auf. Das Witzige ist, dass ich mein Foto eigentlich nicht bei vielen Leuten zuhause gesehen habe. Vielleicht vermeide ich das unterbewusst [lacht].

Wie hast du dieses Foto aufgenommen?

Es war ein eiskalter Morgen in New York. Ich bin ein paar Stunden vor Sonnenaufgang aufgestanden, um den idealen Spot auf der Brooklyn Bridge zu finden und die Kamera richtig einzustellen. Meine Füße waren gefroren, aber meine Geduld zahlte sich aus, als schließlich der Moment kam, auf den ich so lange gewartet hatte. Ein perfekter Sonnenaufgang, der die Skyline von Manhattan in Sonnenschein tauchte. Wenn ich zurückblicke, würde ich nichts anders machen. Es gibt immer nur einen perfekten Moment in der Fotografie!

Wie viel hat IKEA dir für das Foto bezahlt?

IKEA trat über meinen Agenten an mich heran und kaufte die Rechte an dem Foto. Ich kann dir die exakte Menge nicht verraten, aber das Geld hat mein Leben nicht verändert.


Manhattan 1961, das Foto wurde fälschlicherweise Bob Krist zugeschrieben; der tatsächliche Fotograf ist unbekannt

Piccadilly Night von Leo Dolan, IKEA VILSHULT Serie

The Creators Project: Wie hast du dieses Foto gemacht?

Lee Dolan: Ich wollte etwas zeigen, das typisch für London ist. Vor zwei Jahren stellte ich mein Archiv vor dem Eingang der U-Bahn-Station am Piccadilly Circus auf und experimentierte ein bisschen mit der Verschlusszeit. Ich machte Dutzende Aufnahmen von schwarzen Taxis, die durch's Bild fuhren. Mein Glück war es, dass im letzten Moment noch ein Doppeldecker vorbeifuhr. Die ringförmigen Lichtstrahlen, die er erzeugte, waren wirklich erstaunlich. 

Viele Leute haben dieses Bild zuhause hängen. Wie fühlt sich das für dich an?

Ich denke, Kunst sollte so vielen Menschen wie möglich zugänglich sein. Ich glaube nicht, dass die Tatsache, dass so viele Leute dieses Foto gekauft haben, seinen Wert schmälert. Die Schönheit der Kunst liegt in ihrer geteilten Wertschätzung. Es macht mich sehr stolz, dass so viele Leute denken, mein Foto würde bei ihnen zuhause gut aussehen. Gelegentlich sehe ich es sogar in TV-Serien. Vielleicht findet ihr das lächerlich, aber es gibt mir jedes Mal einen Kick, wenn ich es im Fernsehen sehe.

Würden wir das Foto auch im Hause Dolan finden?

Natürlich! Ich stand als erster in der Schlange, als IKEA das Foto im Verkauf hatte. Ich packte so viele Exemplare wie möglich in den Einkaufswagen, für den Fall, dass Freunde oder Familie eines haben wollten. Glücklicherweise wollten sie. Es hängt zur Zeit in meiner Küche. Mein Sohn Patrick überrascht mich jeden Morgen, wenn er neue Dinge auf dem Bild entdeckt. Es ist ein toller Gedanke, so ein Bild als Vermächtnis zu hinterlassen.  

Wie viel hat IKEA dir für das Foto bezahlt?

Ich bekomme einen bestimmten Prozentsatz der Erlöse, aber viel mehr darf ich dir nicht erzählen.

Paris von Jean-Marc Charles, IKEA VILSHULT Serie. 
Image courtesy the artist

The Creators Project: Wie hast du dieses Foto gemacht?

Jean-Marc Charles: Ich habe sechs Monate auf eine Erlaubnis gewartet, einen Tag lang auf die Spitze der Pariser Stadtverwaltung zu gehen. Doch als dieser „erhabene Moment“ gekommen war, waren die Lichtverhältnisse so schlecht, dass ich vom Ergebnis etwas enttäuscht war. Stellt euch vor, wie überrascht ich war, als ich dann einen Anruf von IKEA bekam.

Wie viel hat IKEA dir für das Foto bezahlt?

40.000 Euro. Wegen Fotos wie diesem scheinen wir so etwas wie kreative One-Hit-Wonders zu sein. Aber nur weil ich in IKEAs „Hall of Fame“ aufgenommen wurde, heißt das nicht, dass ich meinen normalen Job aufgebe.

Hat dich die immense Popularität des Bildes beeinflusst?

Die Tatsache, dass Ikea die Rechte an meinem Foto gekauft hat, war mir nicht wichtig. Aber ich bin stolz, dass es auf so großes Feedback gestoßen ist. Meine Arbeit wird normalerweise in der New York Times, Le Monde, Paris-Match und Figaro Magazine veröffentlicht, aber ehrlich gesagt konzentrieren sich Fotografen selten darauf, wo ihre Bilder enden. Ich erinnere mich lebhaft, wie ich in meinen Anfangsjahren bei der gefeierten französischen Fotoagentur Rapho's einen ihrer Top-Fotografen traf: „Hör zu, Junge“, meinte er, „es ist egal, wo, wann oder wie deine Fotos veröffentlicht werden, solange sie überhaupt veröffentlicht werden. Ein Foto, das niemand sieht, ist kein Foto.“ Ich werde seine Worte niemals vergessen.

Zählst du auch zur IKEA-Zielgruppe?

Nein, das wäre zu viel des Guten an Narzissmus. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich bei IKEA war, als sie das Foto zum Verkauf anbaten. Ich konnte es erst nicht finden. Ich dachte, es würde ein kleiner Rahmen sein, doch auf einmal rief meine Freundin etwas zu laut: „Es ist direkt über dir!" Es war so riesig, dass wir eine Stunde damit verbrachten, es anzustarren. Wir belauschten sogar die Kunden, um zu hören, was sie über das Bild sagten. Jetzt ist es überall: In Hotels, TV-Serien und bei meinen Freunden zuhause. Manchmal erzähle ich Leuten, so bescheiden wie ich kann, dass ich Fotograf bin; aber dieses mysteriöse Element hat auch seinen Reiz.

Amsterdam by Fernando Bengoechea, IKEA VILSHULT series

Wir kennen nun also die Geschichte dieser drei Fotografen. Andere IKEA-Bilder dagegen bleiben ein Geheimnis. Ich wünschte, ich hätte während meiner Studentenzeit in Amsterdam die Gelegenheit gehabt, mit Fernando Bengoechea zu sprechen, der dieses all zu bekannte Motiv des roten Fahrrads auf einer Amsterdamer Brücke über einem Kanal gemacht hat. Leider zählte Bengoechea zu den Opfern des Tsunamis 2004, als er Thailand mit seinem Partner Nate Berkus (dem berühmtem Innendesigner) bereiste. Wir werden niemals wissen, was Bengoechea so an der Hauptstadt der Niederlande faszinierte. Leider ist das Poster dieses Amsterdamer Motivs, das still und leise an so vielen Wohnzimmerwänden hängt, nicht in der Lage, uns diese Geschichte zu erzählen.

Eine Version dieses Artikels erschien ursprünglich auf The Creators Project Niederlande.